Einen gänzlich anderen Weg ist Achraf Ait Bouzalim mit seinem Label 6pm gegangen. Was 2017 als fast schon harmloser Ausdruck der eigenen Kreativität anfing, ist heute eine millionenschwere Unternehmung, beschäftigt mehrere Angestellte und ist schneller vergriffen als Friseurtermine nach einem langen Lockdown.
Bezeichnend für seinen Erfolg sind mehrere Faktoren: zum einen ist der Look der verschiedenen Kollektionen stets am Zahn der Zeit und ein Stück weit sogar seiner Zeit voraus. Seien es Trackpants oder Varsity Jackets – 6pm hat das Produkt, noch bevor der Mainstream überhaupt weiß, dass er es braucht. Zum anderen ist Achraf sehr gut vernetzt, sowohl national als auch international. Seine Sachen werden von Loredana, Yung Hurn, Shindy und sogar DJ Khalid getragen.
Doch einer der interessantesten Phänomene bei 6pm ist die persönliche Bindung zwischen den Kunden und dem Gründer Achraf. Auf Instagram pflegt er den engen Kontakt mit seiner Community, ist sich nicht zu schade bei persönlichen Problemen von Kunden ein offenes Ohr zu haben und auf jede Nachricht einzugehen. Seine „Codes“, die unter Usern verteilt werden, um einen Early Access zum sonst hoch frequentierten Shop zu gewährleisten, wurden zum Markenzeichen seiner Person und sind gleichzeitig die genialste Social Media Mechanik auf dem Markt.
Wir haben uns mit dem Frankfurter Fashion-Nomaden getroffen und mit ihm das bis dato persönlichste Interview abgehalten, um zu klären: wer ist Achraf wirklich, wie sieht sein Alltag aus, welche Träume hat er und warum zeigen seine Uhren auf 6PM.
Wie war Achraf vor 6pm? Was war dein Alltag?
Ich bin sehr behütet in einem tollen, familiären Umfeld aufgewachsen. In meiner Jugend hatte ich viel Freude am Sport und habe aktiv acht Jahre Fußball in der Kreisklasse gespielt. Meine schulische Laufbahn verlief sehr klassisch mit abschließendem Fachabitur. 6PM habe ich parallel zu meinem BWL-Studium gestartet. Mein erster Job war übrigens in der Firma meiner Eltern: ich habe sieben Jahre lang Smoothies verkauft, bis zum Einstieg meiner Investoren. Das hat es mir schon damals ermöglicht meiner großen Leidenschaft, nämlich der Mode, nachzugehen.
Auf Instagram sieht man, dass du auch recht gut mit Justin befreundet bist, bei dem im letzten Jahr eingebrochen wurde. Was waren deine Gedanken, als du von dem Vorfall gehört hast und hat sich dein Leben danach verändert?
Ich war natürlich geschockt und in Sorge um Justin. Wir sind gute Freunde und pflegen einen intensiven Austausch. Ich habe im Anschluss das ein oder andere in meinem Leben angepasst. Meine Wohnung ist zum Beispiel in einem Gebäude, das Rund um die Uhr bewacht ist. Meine Wertsachen sind generell immer im Bankschließfach verwahrt. Man kann leider nicht vorsichtig genug sein.
Foto von 6pm Season
Was bedeutet für dich 6pm und was macht Achraf um 6:00?
Gegen frühen Abend habe ich meine kreativste Phase. 6pm hat sich mittlerweile für viele als die Uhrzeit der Begehrlichkeit entwickelt. Unsere Produkte sind an Drop-Tagen meist innerhalb weniger Minuten ausverkauft.
Was waren damals deine Gedanken, als du deinen ersten, großen Drop geplant hattest?
Ich war mehr als nervös und ich fühlte mich sehr schlecht. Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf, da die Angst nicht abzuliefern zu können, am Anfang natürlich immens war. Am meisten habe ich mir aber Gedanken über das Produkt und die Kunden gemacht. Wir wollen dem Kunden ein echtes Kauferlebnis bieten und nicht eine von 1000 anderen austauschbaren Marken werden. Angefangen bei der Bestellung und der Vorfreude bis hin zur Lieferung: zufriedene Kunden sind das Herzstück von 6PM und mein persönlicher Motor, um das Ganze am Laufen zu halten.
Foto von 6pm Season
Inzwischen ist 6PM gewachsen und Investoren helfen der Marke eine größere Infrastruktur aufzubauen. Steigt mit dem eigenen Markenvolumen auch der Anspruch bzw. der Druck?
Glücklicherweise teilt mein Investor meine Philosophie und Strategie. Zusammen wollen wir eine führende Streetwear Marke in Europa aufbauen. Natürlich steckt dahinter auch eine wirtschaftliche Erwartung. Der Erfolgsdruck vor jedem Release ist immer wieder der gleiche und fordert alles von mir ab. Wir schaffen Arbeitsplätze, bilden junge Menschen aus, geben Fotografen und Creatives eine Plattform mit uns zu wachsen – dieser Verantwortung bin ich mir jeden Tag aufs Neue bewusst. Es ist etwas anderes, alleine in seinem stillen Kämmerlein zu hocken und Kleinstauflagen zu produzieren, da inzwischen viele Menschen auf unseren Erfolg angewiesen sind. Das soll natürlich nicht den Spaß an der Arbeit oder die Qualität des Produkts beeinflussen, aber dennoch gehört ein gewisser Druck dazu.
Auf deinem Account scheint es so, als wärst du ein sehr großer Fan von Uhren und Autos. Wenn du dich bei beidem nur noch auf ein Modell reduzieren dürftest, was wäre es?
Mein bester Freund kommt aus sehr gutem Elternhaus und hatte immer schon Zugang zu Luxusartikeln. Für mich war das immer eher Inspiration. Ich habe mich meistens sogar mehr gefreut als er selbst, wenn er das nächste Auto oder eine tolle Uhr hatte. Sich für andere freuen erfüllt mich mit Glück.
Ich bin großer Ferrari Fan und würde wahrscheinlich bei einem aktuellen Modell landen. Bei Uhren wäre die Entscheidung zu schwer. Ich müsste vermutlich ein Los ziehen.
Foto von 6pm Season
Foto von 6pm Season
Du bist sehr viel unterwegs. Hast du ein festes Büro oder wie kann man sich den Arbeitsalltag vom CEO von 6pm vorstellen?
Ich stehe meisten um 10 Uhr morgens auf, bei Terminen in anderen Städten etc. bin ich jedoch schon zwischen 6-7 Uhr auf den Beinen. Morgens checke ich als erstes mein Handy, das zu dem Zeitpunkt schon explodiert vor Nachrichten. Meisten schreibt mir meine Produktion aus Istanbul, die dann bestimmte Aufträge, Samples etc. bestätigt haben wollen. Dann schreibt mir morgens noch mein Investor und mein Steuerberater und zwischendurch gucke ich immer mal wieder auf Instagram und versuche möglichst viele DMs zu beantworten. Der Tag fängt also schon sehr busy an.
Dazu kommen dann meine Erinnerungen, die mich an Aufgaben, Deadlines und Termine erinnern sollen. Circa. 60 Erinnerungen pappen täglich bei mir auf – Tendenz steigend! Gegen 12 Uhr fängt der Austausch mit meinem Kreativ-Team an, bei dem unter anderem über Marketing, Fotoshootings, Kooperationen sprechen, Models anfragen, mit Agenturen kommunizieren, nach Drehorten Ausschau halten und wie wir das Ganze mit den Corona Maßnahmen in Einklang bringen. Es gibt eigentlich immer eine ganze Menge zu tun! Im Lauf des Tages kommen dann natürlich noch neue Aufgaben hinzu.
Fotos von 6pm Season
Wir haben zwar feste Büroräume, aber als CEO von 6pm bin ich auch sehr viel unterwegs. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass ich persönlich nach Istanbul reise, um mir alles mit eigenen Augen anzuschauen. Gerade im Textil-Bereich ist es meiner Meinung nach wichtig, die Sachen auch in der Hand zu halten, persönlich Stoffhändler aufzusuchen und nach dem besten Produkt Ausschau zu halten. Dann überwache ich auch die ersten Samples und begleite jedes Item von der Produktion bis hin zum Verkauf. Deshalb nimmt jede Produktion eine lange Entwicklungszeit in Anspruch und ist langwieriger als es für Viele vielleicht scheint.
Außerhalb der Designs, die ich am Laptop mache und auch nicht von unterwegs aus bearbeiten möchte, arbeite ich hauptsächlich mit meinem Handy. Das erlaubt es mir, von überall meine Aufgaben zu erfüllen und nebenbei noch Inspirationen für kommende Kollektionen zu sammeln. Manchmal kann das auch bei so etwas Banalem wie einem Abendessen geschehen. Dann halte ich das auf meinem Handy fest, pack es in meinen „CREATIVE“-Ordner auf dem iPhone und erstelle über mehrere Wochen auf diese Weise ein Moodboard, das ich anschließend mit dem Team teile.
Gegen 0 Uhr hört dann mein Arbeitstag meistens auf und dann widme ich mich privaten Dingen. Ehrlicherweise kommt selbst das nicht ganz so häufig vor.
Es scheint so, als könntest du dir heutzutage jeden Wunsch erfüllen. Dennoch würde ich gerne wissen: was sind Träume und Wünsche von dir, die bisher unerfüllt geblieben sind?
Ganz oben auf meiner Bucketlist stehen noch einige Reiseziele, wie New York, Los Angeles oder Tokio. Ich komm aus normalen Verhältnissen, wo es mir zwar an nichts fehlte, aber 1.000 Euro für ein Economy Ticket in unerreichbareren Sphären lagen. Jetzt wo ich die finanziellen Mittel habe, würde ich gerne diese Orte besuchen und auch meine Familie mitnehmen, um ihnen auch ein Stück weit etwas zurückzugeben und ihnen zu zeigen, dass ich ihnen auf ewig dankbar sein werde.